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Topologien der künstlerischen Forschung. Relationale Wissensmodelle in Kunst und Theorie seit 1960

Dr. Sarah Kolb

FWF Elise Richter Projekt | seit 2020
Abteilung für Kunstgeschichte und Kunsttheorie

Im Zusammenhang mit Theorien und Praktiken der künstlerischen Forschung wird aktuell vielfach die Frage diskutiert, inwiefern die Künste in gegenseitiger Befruchtung mit theoretischen und wissenschaftlichen Ansätzen neue Formen der Wissensproduktion generieren. Diese Entwicklung knüpft an jene kritisch-analytischen Tendenzen des Neo- und Postavantgardismus an, die sich seit den 1960er Jahren im Austausch mit phänomenologischen und post-/strukturalistischen Theorieansätzen entwickelten und die mit dem New Materialism gegenwärtig auch eine Wendung hin zu neuen Konzeptionen von Agency erfahren.

Das Projekt »Topologien der künstlerischen Forschung« geht von der These aus, dass die Hinwendung zu künstlerisch-forschenden Verfahren mit einem spezifischen Interesse an topologischen Konzepten korrespondiert, die ausgehend von Philosophie und Mathematik seit 1900 Eingang in die Natur-, Kultur- und Geisteswissenschaften fanden und in Fortführung entsprechender Bezugnahmen seitens der historischen Avantgarden seit 1960 zunehmend auch in der Kunst aufgegriffen wurden. So setzten Künstler*innen essentialistischen Kategorien wie Werk und Autor*innenschaft durch die Hinwendung zu prozessorientierten, performativen und partizipatorischen Praktiken ein Primat der Transformationen, Relationen und Uneindeutigkeiten entgegen, mit dem sie topologische Konzepte auch auf methodischer Ebene fruchtbar machten.

Das Projekt entwickelt eine Genealogie der künstlerischen Forschung, mit der die Bedeutung topologischer Konzepte für die Kunst und Theorie der Postmoderne aus diskursanalytischer Perspektive offengelegt werden soll. Anhand exemplarischer Fallstudien wird der Fokus auf prozessorientierte, performative und partizipatorische Ansätze gelegt, wie sie im Umfeld von Neokonkretismus, Happening, Fluxus, Minimalismus, Konzeptkunst, Institutionskritik, Appropriation Art, Relational Art und Net Art zum Tragen kommen. Aus transdisziplinärer Perspektive und unter Berücksichtigung der theoretischen Modelle des New Materialism sind spezifische Herkunftslinien künstlerischer Forschung damit im Spannungsfeld zwischen Naturwissenschaften, Kultur- und Geisteswissenschaften und Kunst zu verorten.

Indem das Projekt seinen Fokus auf die methodische Produktivität topologischer Konzepte im Feld der Kunst und Theorie legt, öffnet es eine neue Perspektive auf ein zukunftsweisendes Forschungsfeld, das sich gegen die rigiden Wissensbegriffe etablierter Disziplinen fruchtbar machen lässt und insbesondere auch in genderpolitischer Hinsicht emanzipatorisches Potential birgt. Neben neuen theoretischen und epistemologischen Perspektiven rückt mit der Hinwendung zu relationalen Wissensmodellen schließlich auch die Frage in den Blick, inwiefern sich die Topologie als geeignetes Instrument erweist, um binäre Kategorien wie Kunst/Wissenschaft, Natur/Kultur, Subjektivität/Objektivität etc. zugunsten einer Logik der Transformation zu unterwandern.

Max Schaffer: Ohne Titel (appearing as contours or volumes), Hybrid-Klebstoff, Detail, 2019, Courtesy: Max Schaffer, Foto: Sarah Kolb