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Offene Kunstuniversität

Interkulturelle Öffnung – Migrationssensibilität – Pluralismus

Nicht erst seit der Ankunft der vielen Menschen auf der Flucht seit dem Sommer 2015 besteht ein erhöhter Handlungsbedarf hinsichtlich der Anerkennung von kulturell/sozial verschiedenen Menschen mit dem Ziel ihrer Gleichbehandlung und v.a. ihrer gleichberechtigten Teilhabe innerhalb einer sich verändernden Gesellschaft.

Die Universität als staatliche Bildungsinstitution kann hier einerseits eine Vorreiterrolle einnehmen, andererseits ist sie als Institution ein schwerfälliger Apparat, der von Machtstrukturen durchsetzt ist. Um eine interkulturelle Öffnung der Kunstuniversität zu erreichen, bedarf es verschiedener Ansatzpunkte auf vielen unterschiedlichen Ebenen.

Dazu gehören:

1. die Zulassung von Studierenden mit Migrationshintergrund (vgl. MORE) – und als Voraussetzung dafür die Förderungund Vorbereitung von Bewerber*innen mit Migrationshintergrund für ein Studium (vgl. maiz in Koop. mit Gitti Vasicek);

2. die Berufung von Professor*innen mit Migrationshintergrund;

3. die Einstellung von Personal und Lehrenden mit Migrationshintergrund;

4. eine selbstreflexive Auseinandersetzung mit Praktiken der Kunst-­‐und Wissensgeneration und -­vermittlung durch Lehrende und Studierende (vgl. DE_colonize Uni_VERSITY von Medientheorien/maiz; Hot Welcome und NotWelcome –raum&designstrategien; diverse LVs zu Antirassismus, Postkolonialismus etc.)

5. der Abbau von organisatorischen und strukturellen Barrieren innerhalb der Institution, die einen Zugang von Studierenden und Lehrenden mit Migrationshintergrund erschweren.

Der akg sieht auf allen fünf Ebenen Handlungsbedarf. Der akg möchte im nächsten Studienjahr insbesondere die 5. Ebene als Bedingung und Voraussetzung der anderen Ebenen thematisieren und forcieren. Dazu ist eine Weiterbildung für Angestellte in der Verwaltung angedacht, die jedoch auch Lehrende/Professor*innen, die in der akademischen Selbstverwaltung aktiv sind, einbeziehen und ansprechen soll.

Ziel ist es

– für Menschen mit Migrationshintergrund den Zugang zur Kunstuniversität (auf allen hierarchischen Ebenen, in allen Funktionen und in allen Bereichen) zu öffnen, zu fördern und aus-­‐zubauen;

– Benachteiligungen, Diskriminierungen, Ethnisierungen/Nationalisierungen zu verhindern;

– das Selbstverständnis zu hinterfragen, die Dominanzkultur (Referenzsystem und Verhalten) sowie mehrheitsgesellschaftliche Privilegien zu reflektieren und abzubauen;

– die Vermittlung von interkulturellen und pluralistischen Kompetenzen und Instrumenten zu fördern;

– eine diskriminierungsfreie Kommunikation zu ermöglichen und zu fördern;

– eine migrationssensible Öffentlichkeitsarbeit und Selbstdarstellung der Kunstuniversität zu entwickeln und umzusetzen.

Diese Weiterbildung ist als Kooperationsveranstaltung zwischen dem akg, der Abteilung Personalentwicklung/Weiterbildung sowie dem Rektorat angedacht.

 


Kurzberichte


 

 ‚Critical Diversity Literacy (Kritische Bildungskompetenz in Diversität)‘,

Workshop und Weiterbildung mit Sophie Vögele im Sommersemester 2018
Die Erprobung von Critical Diversity Literacy (Kritische Bildungskompetenz in Diversität, CDL) im Feld der Kunsthochschulen.  

Beschreibung:         

Wie verschiedene Forschungsprojekte aufzeigen, reproduziert das Feld der Kunsthochschulen soziale Ungleichheiten, verstärkt diese sogar und schreibt koloniale Machtverhältnisse fort. Insbesondere Migrationserfahrung, Klassen-Zugehörigkeit und non-konforme Körper wirken sich ausschliessend aus oder bieten Anlass zu Veranderung. In Verbindung mit der Bevorzugung von Menschen, die der anerkannten Norm entsprechen, entsteht Diskriminierung und Othering. Diese Erkenntnis zu institutioneller Normierung soll durch das Üben von „Critical Diversity Literacy (Kritische Bildungskompetenz in Diversität, CDL)“ über ein Verstehen der Auswirkungen von Exklusion und Inklusion und der Wirkmächtigkeit vorherrschender Normen hinausgehen und für die eigene Praxis fruchtbar gemacht werden. Dadurch kann eine gemeinsame Befragung der eigenen Arbeit mit dem Ziel diese zu dekolonisieren erfolgen.  

Inhalt:                        

Die Ausarbeitung von Critical Diversity Literacy (Steyn 2015) wird anhand der Forschungsergebnisse und Erkenntnisse von Art.School.Differences (bit.ly/a_s_d) gemeinsam diskutiert und konkretisiert. Dabei werden Konzepte wie  institutionelle Normativität, Othering, Intersektionalität, Performativität, Privilegien und normative Arglosigkeit gemeinsam diskutiert und auch mit Beispielen aus der Praxis und Erfahrung der Teilnehmenden erläutert. In Verbindung dazu werden Diskriminierungsformen aufgrund von sozialer Herkunft, race/Ethnizität, Geschlecht, Sexualität, Körper, Alter, Sprache, etc. und strukturelle Diskriminierung angesprochen und verstanden. In Gruppen oder auch im Plenum werden Ideen und Konzepte für eine Praxisforschung im Team besprochen.  

Ziel:                           

Aufgrund der Auseinandersetzung mit CDL werden vertiefte Kenntnisse darüber erworben und erste Ideen für die Umsetzung einer Praxisforschung im Team entwickelt mit dem Ziel, die eigene Arbeit zu dekolonisieren.


 

Kulturverständigung einmal anders – Wie Sie japanische Morddrohungen verstehen und in den USA zwei Drinks bestellen

Kurzbericht

Text: Nicole Bindreiter

Am 13. und 14. März fand die vom akg initiierte Weiterbildung „Interkulturelle Öffnung – Aspekte interkultureller Verständigung“ mit der Referentin Dr.in Sabine Handschuck1 statt. Gut besucht, wenn auch nur mit einem männlichen Teilnehmer, starteten wir in zwei sehr informative und produktive Tage.
Neben einer Session zur Geschichte, Identitätsstiftung und emotionalen Verbundenheit mit individuellen Namen waren auch die unterschiedlichen länderspezifischen Gebärden Thema: das Zählen mit ganz unterschiedlichen Fingern oder die verschiedenen Bewegungsfenster für Gesten. Auch die Körperhaltungen sind sehr unterschiedlich und vermitteln oftmals ein Bild, das einer kulturellen Übersetzung bedarf.
Viele Episoden aus dem Berufsalltag der Referentin illustrierten die einzelnen Themen und deren Relevanz.
Wir haben auch Strategien und Ideen gesammelt, um die Kunstuniversität künftig kulturell noch weiter zu öffnen


Kulturverständigung einmal anders – Wie Sie japanische Morddrohungen verstehen und in den USA zwei Drinks bestellen

Langtext

Text: Nicole Bindreiter

Am 13. und 14. März fand die Weiterbildung „Interkulturelle Öffnung – Aspekte interkultureller Verständigung“ mit der Referentin Dr.in Sabine Handschuck1 statt. Gut besucht, wenn auch nur mit einem männlichen Teilnehmer, starteten wir in zwei sehr informative und produktive Tage.

Den Beginn machte eine besondere Vorstellrunde unter der Rubrik „die Geschichte Ihres Namens“. Die Erzählungen zu den jeweiligen Namen waren so unterschiedlich, so besonders, teilweise sehr berührend oder witzig – und zudem konnten wir uns die Namen aufgrund der narrativen und individuellen Kontextualisierung sehr gut merken.
Neben vielen theoretischen Inputs zum Respekt vor Namen und der damit einhergehenden korrekten Schreibweise, über die länderspezifischen Gestenfenster oder Missverständnisse im Alltag der Amtsgänge wurde in Kleingruppen auch über künftige Möglichkeiten für eine kulturelle Öffnung gearbeitet.
Besonders einprägsam war die Geschichte des kleinen Alixan [gesprochen: Alichan], der mit seinen Eltern aus der Türkei nach Deutschland kam. In der früheren Heimat wurde die kurdische Familie diskriminiert und der ebenfalls kurdische Name ins Arabische übersetzt. Im deutschen Kindergarten standen sodann die Betreuungspersonen vor der Schwierigkeit den anderen Kindern den ungewöhnlichen Namen Alixans merkbar zu machen. Kurzerhand wurde aus Alixan Ali und dieser freute sich wiederum über seinen ersten Spitznamen. Seine Mutter jedoch war zornig und enttäuscht und erklärte der verdutzen Kindergärtnerin, dass sie in Deutschland offiziell aufgenommen seien, dass sie nun endlich die Freiheit hätten, ihre kurdischen Namen zu tragen und jetzt würde erneut der Name ihres Sohnes arabisiert. Die Geschichte so mancher Namen ist weitreichender als im ersten Moment geahnt, hat sehr viel mehr emotionale Aufladung und ist für die Identität des Einzelnen essentiell.

Ein besonders spannendes Thema war jenes des Gestenfensters. Frau Handschuck führte aus, dass jedes Land über eine eigene Definition, kulturelle Übereinkunft und gelebte Handlungsweise verfügt. In Österreich reicht das Handlungsfenster von der Gürtellinie aufwärts bis ca. zu den Schultern. Alles was in diesem Bereich gestikuliert wird, erachten wir als normal, alles was darüber hinaus geht wird als gereizt, überzogen oder cholerisch wahrgenommen. In Italien jedoch reicht das Gestenfenster bis zu den Augenbrauen – was für unser Empfinden schon sehr emotional ist. Der japanische Bereich der Gestik reicht im Gegensatz dazu nur von der Gürtellinie eine Handbreit nach oben. In diesem kleinen Bereich spielt sich die ganze Bandbreite der Emotionen ab – mit einem für Europäer unmerklichen kleinen Fingertippen werden z.B. Unmut und sogar Drohungen kundgetan.
Wir haben auch die ganz unterschiedlichen Zählweisen mit den Fingern in verschiedenen Ländern besprochen: Bei uns bringt man den Kindern das Zählen mit den Fingern bei, indem man mit dem Daumen beginnt. In den USA zählt man aber erst ab dem Zeigefinger, da kann man noch so sehr seine drei Finger dem Barmann entgegenstrecken, man wird nur zwei Drinks bekommen. Möchte man in China zwei Flaschen Wasser bestellen und zeigt das mit dem Daumen und dem Zeigefinger an, bekommt man zur großen Überraschung acht Flaschen – zeigt man die beiden Finger nochmals mit Nachdruck, bekommt man wahrscheinlich sogar 16 Flaschen.
Geübt wurden außerdem die verschiedenen Aspekte der interkulturellen Kommunikation, indem veranschaulicht wurde, wie groß die Anstrengungen sind der Normalitätserwartung eines anderen / neuen Kultursystems zu entsprechen und wie schnell man falsche Signale senden kann. Es gibt z.B. verschiedene Kontaktetablierungszonen: in Österreich ist es der Blick, in der Türkei die Schulter und in Spanien der Unterarm.
Sehr eindrücklich war das Video der Rede von Chimamanda Ngozi Adichie, einer nigerianischen Schriftstellerin, die über  "die Gefahr einer einzigen Geschichte" sprach, über eingeschränkte Sichtweisen und damit zusammenhängende Vorurteile. Sie übermittelte eine Warnung, die pointiert und eloquent Gehör gefunden hat.
In diversen Gruppenarbeiten wurden für die künftige weitere kulturelle Öffnung Ideen gesammelt und abschließend wurde versucht, erste Schritte einzuleiten, um eine interkulturelle Öffnung voranzutreiben.

1 Dr.in Sabine Handschuck, Trainerin für Interkulturelle Verständigung. Weiter Informationen vgl. http://www.network-migration.org/experten/datenbank.php?guid=J88F69&rid=693 [Stand 21.03.2017]

SoSe 2017 - Weiterbildungsangebot des akgs: Interkulturelle Öffnung – Aspekte interkultureller Verständigung mit Sabine Handschuck

Vorsitzende
Univ.Prof.in Dr.inphil. Angela KOCH (Vorsitzende)
Stellvertretende Vorsitzende
Mag.aiur. Karina Koller
Univ.Prof.in Mag.aart. Brigitte Vasicek

Kontakt
Amina Lehner

AKG.Anfragen@ufg.at
Tel: +43 (0) 676 84 7898 473

Bürozeit:
Dienstag 10 - 14 Uhr

Kunstuniversität Linz

Arbeitskreis für
Gleichbehandlungsfragen
Raumnummer: DO 04.39
Domgasse 1, 4. OG
4020 Linz | Austria